Übungen des täglichen Lebens

Die Übungen des täglichen Lebens sind die Grundlage dafür, selbstständig werden zu können. Jeder Mensch braucht sie, um in seiner sozialen und kulturellen Umwelt selbstständig zurechtzukommen.

Die ganze Montessori-Pädagogik beinhaltet Bewegungserziehung. Fast alles, was im Kindergarten gemacht wird, geschieht über Bewegung. Am besten zu erkennen ist dies jedoch bei den Übungen des täglichen Lebens. Sie helfen dem Kind, Feinmotorik, Grobmotorik, Hand-Fuß-Koordination, Gleichgewicht und Sensomotorik zu schulen und zu verfeinern. Der natürliche Bewegungsdrang des Kindes wird hier gleichzeitig mit dem Bedürfnis nach sinnvollem Tun befriedigt.

Unter den „Übungen des täglichen Lebens“ verstehen wir:

  1. Übungen zur Pflege der eigenen Person:

    z.B. An- und Ausziehen, Hände waschen, Schuhe putzen, Haare kämmen, Nahrung zubereiten (z.B. Orangen auspressen, Nüsse mahlen, kochen usw.).

    Hier liegt zugleich ein wichtiger Punkt unserer Gesundheitserziehung: Die Kinder lernen, selber etwas zu tun, um sich zu pflegen, wenn sie z.B. das von uns gezeigte richtige Zähneputzen selber in der Freispielzeit durchführen. Auch auf eine gesunde Brotzeit legen wir Wert, sowie auf das Händewaschen vor dem Essen und nach dem Toilettengang. Materialien in den Gruppenräumen (z.B. Bücher über den menschlichen Körper) helfen den Kindern, die Bedeutung der Gesundheit besser zu verstehen. In Gruppeneinheiten und Einzelaktionen werden die Inhalte der Gesundheitserziehung vertieft und ausgebaut.

  2. Übungen zur Pflege der Umgebung:

    z.B. Waschen, Putzen, Blumen- und Pflanzenpflege, Handarbeiten usw.

  3. Übungen der sozialen Beziehungen:

    Diese Übungen werden meist in Form von Rollenspielen in der Gruppe durchgeführt, um damit spielerisch Höflichkeitsformen wie Bitten, Danken, Grüßen und Besuch empfangen einzuüben. Zudem gibt es Übungen, die die gemeinschaftliche Verantwortung für die Gruppe verdeutlichen, wie z.B. das gemeinsame Abstauben der Regale im Gruppenraum.

  4. Übungen zur Bewegung:

    Während der Freispielzeit steht einer begrenzten Zahl von Kindern die Turnhalle (=Mehrzweckraum) wie auch der Garten zur Verfügung, um eigene Bewegungsmöglichkeiten, Stärken und Grenzen auszuprobieren und auszuleben.

    In diesen Bereichen achten wir besonders auf die Einhaltung der klaren Regeln, um Unfälle zu vermeiden und die Kinder vor Gefahren zu schützen.

    Zusätzlich bietet jede Gruppe außerhalb ihrer Kernzeit Bewegungserziehung für alle Kinder an, die dies besonders gerne machen.

  5. Übungen zur Stille:

    Das Herumgeben einer Kerze oder eines schönen Steines im Stuhlkreis, das Legen eines Puzzles durch mehrere Kinder, ohne dass sie sich unterhalten, oder das „Gehen auf der Linie“ sind Übungen, die vor allem zu einer vertieften inneren Selbstwahrnehmung beitragen.

Bei allen Übungen achten wir darauf, dass die Kinder gemäß ihrer Entwicklung so viel wie möglich selbst tun und dafür auch - soweit es ihnen möglich ist - sich verantwortlich fühlen.

Ziele, die durch die Übungen des täglichen Lebens erreicht werden können:

  • Die Übungen befriedigen und lenken den Bewegungsdrang des Kindes und helfen, Verstand und Bewegungen zu koordinieren.

  • Sie fördern, verfeinern und harmonisieren Bewegungsabläufe und lassen den vollständigen Zyklus einer Arbeit erleben.

  • Sie fördern die Unabhängigkeit des Kindes vom Erwachsenen, seine Selbstständigkeit und damit seine Sicherheit und sein Selbstwertgefühl.

  • Sie stärken Verantwortungsbewusstsein für sich selbst und die eigene Umgebung. Gleichzeitig bildet sich im Kind eine innere Ordnung und das Gespür für soziale und kulturell geprägte Verhaltensweisen.

So sind die Übungen des täglichen Lebens eine Antwort auf das Bedürfnis des Kindes nach Selbständigkeit und seine sensiblen Phasen zum Aufbau von Unabhängigkeit, Selbstsicherheit, Offenheit und Selbstbewusstsein. Dies kann man an den Kindern bei den verschiedenen Phasen ihres Tuns beobachten, wie z.B. bei der Übung „Wasserschütten“:

  1. Das Kind beschäftigt sich mit der Übung, weil es Freude an der Bewegung und Freude an den Gegenständen (Wasser, Glaskrug, Becher) hat.

  2. Das Kind möchte die Übung so genau wie möglich machen, also kein Wasser mehr verschütten, den Glaskrug so halten wie man es ihm gezeigt hat.

  3. Für das Kind ist nun das Ergebnis des Tuns wichtig. Es ist die Stufe, in der das Kind auf die Ordnung und Pflege seiner Umgebung und seiner eigenen Person achtet. Jetzt ist es stolz darauf, sich den Tee selbst einschütten zu können, ohne dass etwas daneben geht.

  4. Nun setzt das Kind diese Übung für die Gemeinschaft ein, in dem es z.B. einem anderen Kind Hilfe beim Tee einschütten anbietet.

    Diese Stufe ist das Ergebnis all der anderen drei Stufen:
    Das Kind setzt sein Können in der Gemeinschaft bewusst ein und wird dadurch ein konstruktiver Teil einer größeren Gemeinschaft. Dies ist ein wichtiger Baustein für eine selbstbewusste Gestaltung von Gemeinschaft und somit auch Teil der Sozialerziehung.

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